Sling (Paul Schlesinger): Der Mensch, der schiesst (2014)

„Jemand hat eine sitzende Justitia aus Stuck mit dem Rücken auf die Decke des Schwurgerichtssaals geklebt, ihr überlassend, wie sie da kleben und sitzen soll…“

mensch schiesst-225x380Ein bisschen Hoeneß, NSU und auch Mollath. Dann hört es aber eigentlich auch auf. Die Gerichtsreportage ist heute nicht mehr sonderlich verbreitet im Journalismus. Vor nicht 100 Jahren sah das noch anders aus: Meist im Feuilleton erschienen zahlreich Texte über die Erfahrungen in Gerichtssälen durch Reporter, die sich ausschließlich mit dieser Art der Reportage befassten. Einer davon war Paul Schlesinger, auch bekannt unter seinem Künstlernamen Sling. Dieser berichtete in den 1920ern über diverse Strafprozesse – Vom kleinen Betrug bis zum Kindermord war alles dabei. Und die Berichte sind anders, anders als man die Berichterstattung heute gewohnt ist, und ganz besonders anders, als die Anmerkungen zu Urteilen in den Fachzeitschriften.
Erstmal ist da schon eine gewisse Romantik. Als Jurist und auch als Jura-Student verändert sich der Blick auf Straftaten ja ohnehin. Hier kommt noch die Zeit hinzu, aus welcher die Berichte stammen, alles klingt etwas antik, und das ist es ja auch. Man stolpert beim Lesen über Begriffe, die heute eher unüblich sind – so beispielsweise über den Einsatz von Ehrverlust auf Zeit als Sanktion.
Und nicht nur der Inhalt ist einem neu im Sinne von alt, der Blick darauf ist geprägt von Subjektivität, und das ganz bewusst. Es war vermutlich weniger der Zweck einer Gerichtsreportage, nüchtern über Geschehnisse zu erzählen, vielmehr waren es literarische Kommentare zum Zeitgeschehen.

Geflügelte Worte wie „Wie ein Seehund, der eben aus dem Wasser aufs Land humpeln will, steht der kleine Mann mit dem wollenen Schal um den fetten kragenlosen Hals hinter der hohen Schranke des Anklageraumes…“ finden sich viel in den Erzählungen. Insbesondere für uns Studenten ist dieser Blick eine willkommene Abwechslung. Die Angeklagten werden vom Herrn Sling kritisch beäugt, oft findet sich eine genaue Beschreibung der äußeren Merkmale und des Verhaltens in den Texten. Auf das Urteil der Richter folgt dann das Urteil des Reporters, manchmal bezüglich des Falles, manchmal bezüglich der Richter oder anderer Beteiligter.
Oft wird Sling vorgeworfen, dass er derartig subjektiv berichte, dass er Vertreter der „Täter-Opfer-Umkehr“ sei. Das angesichts des Leitsatzes des Buches „Der Mensch, der schießt, ist ebenso unschuldig, wie der Kessel, der explodiert, die Eisenbahnschiene, die sich verbiegt, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet.“ festzustellen, ist keine Meisterleistung. Und vor allem verkennt der Kritiker so scheinbar den wirklichen Inhalt der Berichte von Sling. Es geht nicht in erster Linie darum, ob die Strafe und das Maß derselben angemessen, der Prozess formell und materiell richtig ist. Sling legt seinen Schwerpunkt auf das „Seelische“. „Ich suche im Gerichtssaal die seelischen Beweggründe der auftretenden Personen, der Angeklagten, der Zeugen. Ich kann es auch nicht unversucht lassen, in die Herzen des Staatsanwalts und des Richters zu blicken. […] Dann versuche ich, mein Gefühl nachzuschaffen, es dem Leser kenntlich zu machen.“

Sicherlich, an Kritikäußerung am Strafsystem mangelt es in diesem Werk nicht. Das tut es auch zur heutigen Zeit nicht. Aber eben darum geht es nicht, nicht mehr. Für den Leser dieser Auswahl an Texten von Paul Schlesinger, editiert von Axel von Ernst, zeigt sich eine vergangene Welt des Gerichtssaals, fernab von objektiver Tristesse. Schlesinger war Literat und Kabarettist, hier ist auch diese Sammlung einzuordnen. Eine etwas ins Vergessen geratene Gattung der Reportage, zu empfehlen für jene Literaturinteressierte, die nicht in jeder Bemerkung sofort ein Wettern gegen die (damalige) Strafbegründungstheorie wittern und erstmal kräftig mitwettern, sondern sich gerne der „seelischen“ Seite des Gerichtssaals widmen wollen, so wie Sling es tat.

Der Mensch der schießt
von Paul Schlesinger alias Sling
Lilienfeld Verlag, 2. Auflage 2014
24,90 EUR

Rezension von Melvin L. Dreyer